Die Donaustadt liebt ihre Gründerzeitvillen, ihre Jugendstilpalais, sogar ihre brutalistischen Betonklötze aus den Siebzigern. Aber die postmodernen Bauten? Da hört der Spaß auf. Verspielt, übertrieben, manchmal geradezu verschroben – für viele Wiener sind diese Gebäude von den Achtziger- und Neunzigerjahren eher architektonische Fremdkörper als Bereicherung des Stadtbildes. Abreißen, denken sich viele. Je schneller, desto besser.
Dabei gibt es Menschen, die das anders sehen. Der Historiker und der Fotograf, die sich gemeinsam an eine Ehrenrettung dieser Bauten machen, haben eine einfache These: Wien unterschätzt seine eigene jüngere Geschichte gewaltig. Ihr neues Buch zeigt Fassaden voller geometrischer Spielereien, Fenster, die wie Kunstobjekte wirken, Oberflächen, die im Sonnenlicht zu funkeln beginnen – Details, die nur derjenige bemerkt, der tatsächlich stehen bleibt und hinschaut. In einer Stadt, die vorbeihetzt, passiert das selten.
Die Postmoderne war damals ein Aufschrei gegen den Purismus. Nach Jahrzehnten, in denen weniger mehr sein sollte, erlaubten sich Architekten endlich wieder Farbe, Dekoration, ja sogar Ironie. Wien erlebte das wie eine provokative Schmackhaftigkeit auf der Zunge – nicht unangenehm, aber auch nicht das, was man sich von einer respektablen Stadt erhoffte. Die Geschmacksnerven der Wiener wurden strapaziert, würde man sagen.
Heute, drei Jahrzehnte später, beginnt sich etwas zu verschieben. Nostalgische Strömungen machen die Achtziger interessant. Die sogenannte Post-Internet-Ästhetik plötzlich chic. Manche dieser Bauten stehen unter Denkmalschutz, andere werden saniert. Langsam wird klar: Das war keine architektonische Verirrung, sondern ein ernsthafter Versuch, das Bauen neu zu denken.
Was das Buch leistet, ist weniger eine akademische Rehabilitation als vielmehr eine Einladung zur Neubewertung. Es zeigt Wien, wie es tatsächlich ist – mit all seinen Widersprüchen, seinen merkwürdigen Bauten, seinen Experimenten. Nicht alles wird durch neue Fotos zum Meisterwerk, aber einiges wird sichtbar, das vorher übersehen wurde. Ob das reicht, um die Wiener umzustimmen, bleibt offen. Aber wenigstens versucht man es.