Ein dickes Stromkabel soll eines Tages die Sahara mit dem Wattenmeer verbinden. Die Idee klingt kühn, fast utopisch – doch dahinter steckt ein ernsthafter Plan, der deutschen Haushalten künftig günstigen Strom bringen soll. Was lange Zeit nur Vision war, nimmt langsam Gestalt an.
Das Projekt trägt den Namen Desertec und verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Solaranlagen in der nordafrikanischen Wüste sollen Energie erzeugen und diese über Hochspannungsleitungen nach Europa transportieren. Deutschland hätte dann Zugang zu einer scheinbar unerschöpflichen Energiequelle. Warum Wüste? Die Antwort liegt auf der Hand. Die Sahara empfängt täglich mehr Sonnenenergie, als die gesamte Menschheit in einem Jahr verbraucht. Eine einfache Rechnung also, die fasziniert und anzieht.
Doch zwischen Traum und Wirklichkeit klafft ein beachtliches Loch. Technische Hürden sind das eine – ein Stromkabel von dieser Länge zu verlegen, es vor Korrosion zu schützen, die Leistungsverluste in den Griff zu bekommen. Spätestens wenn man nachts auf einer Baustelle in der Sahara gestanden hätte, bei 40 Grad Hitze und überall Sand, der in jede Ritze kriecht, würde man verstehen, was für ein Unterfangen das wirklich ist. Politische Stabilität, Korruption, fehlende Investitionen – all das sind größere Probleme. Marokko, Ägypten, Tunesien: Mit welchen Ländern soll man da konkret verhandeln?
Trotzdem bewegt sich etwas. In Marokko entstehen neue Solaranlagen, auch deutsche Unternehmen sind beteiligt. Das Interesse an nordafrikanischer Energie ist größer geworden, seit Russlands Krieg in der Ukraine die europäische Energiesicherheit ins Wanken brachte. Plötzlich wirkt die Sahara weniger exotisch und mehr strategisch notwendig.
Realisten geben zu bedenken: Bis solch ein System wirklich funktioniert und nennenswerte Mengen Strom liefert, werden Jahre verstreichen. Vielleicht Jahrzehnte. Die Infrastruktur müsste auf beiden Seiten des Mittelmeers entstehen, internationale Verträge geschlossen, Milliarden investiert werden. Und dann? Dann hätte Deutschland tatsächlich Zugang zu billigem, verlässlichem Strom aus der Sonne – vorausgesetzt, alles läuft nach Plan. Ob das mehr ist als hoffnungsvolles Wunschdenken, wird sich erst zeigen.