Berlin-Lankwitz hat sich ein ehrgeiziges Experiment geleistet. Auf dem Dach eines Rewe-Marktes wächst jetzt frischer Salat – und der Weg vom Beet ins Regal ist spektakulär kurz. Morgens geerntet, mittags verkauft: Das ist die Idee hinter dieser ungewöhnlichen Urban-Farming-Initiative, die zeigt, wie Einzelhandel und nachhaltige Landwirtschaft zusammenpassen könnten.
Die Dachfarm funktioniert nach dem Prinzip von aquaponischen Systemen und modernen Hochbeetsystemen, die mit speziellen Anbautechniken arbeiten. Das Dach bietet überraschend ideale Bedingungen. Viel Sonne, Platz für mehrere hundert Quadratmeter Anbaufläche – und kein teurer Transport zwischen Feld und Geschäft. Stattdessen: ein Fahrstuhl, eine Treppe, und der Salat liegt im Verkaufsregal. Die Reduzierung von Lieferketten spart nicht nur Energie, sondern auch Zeit.
Für den Einzelhandel ist das Konzept attraktiv aus mehreren Gründen. Erstens können Rewe und andere Supermärkte damit punkten, wenn Kunden nach regionalen Produkten fragen. Zweitens schont es die Kostenseite, weil lange Transportwege entfallen. Und drittens spricht es die wachsende Gruppe von Verbrauchern an, denen Nachhaltigkeit beim Einkaufen tatsächlich am Herzen liegt – nicht nur beim Kassieren.
Allerdings gibt es auch praktische Hürden. Dachbegrünung ist anspruchsvoll. Wind, extreme Hitze im Sommer, Frostnächte im Winter – das alles muss die Anlage verkraften. Wassermanagement ist ebenfalls kein Kinderspiel in luftiger Höhe. Und dann stellt sich die Frage: Wie wirtschaftlich ist das wirklich? Wenn eine Kopfsalatpflanze mehr kostet in der Anzucht auf einem teuren Berliner Dach als im niederländischen Gewächshaus, dann hilft auch die beste Idee nicht weiter.
Trotzdem reiht sich das Lankwitzer Projekt in einen größeren Trend ein. Immer mehr deutsche Städte experimentieren mit vertikalen Gärten, Dachfarmen und innerstädtischer Produktion. München hat ähnliche Projekte, Frankfurt auch. Die Berliner Initiative zeigt: Es geht nicht darum, die traditionelle Landwirtschaft zu ersetzen. Es geht darum, dass dort, wo Menschen leben und einkaufen, auch etwas wächst. Ob sich das langfristig rechnet oder eher ein Marketing-Gag bleibt, werden die nächsten Monate zeigen.