Die Geschäfte laufen. Daimler Truck meldet solide Ergebnisse, die Lastwagenbauer arbeitet profitabel, die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Doch über dieser wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte hängt ein düsteres Damoklesschwert: die geplanten EU-Vorschriften zur CO2-Reduktion bei schweren Nutzfahrzeugen ab 2030. Was auf dem Papier wie eine vernünftige Umweltmaßnahme klingt, könnte die europäische Lkw-Industrie in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.
Worum geht es konkret? Die Europäische Union will den CO2-Ausstoß von Lastwagen bis 2030 um 55 Prozent senken – gemessen an den Werten von 2019. Das hört sich ambitioniert an, ja. Aber während deutsche und europäische Hersteller sich bereits unter enormem Druck auf diese Ziele vorbereiten, wissen Branchenkenner: Solche Vorgaben sind technisch extrem anspruchsvoll und werden gigantische Investitionen erfordern. Die batterieelektrischen Lkws sind noch nicht marktreif genug, Wasserstoff-Technologien stecken in den Kinderschuhen, die Ladeinfrastruktur ist löchrig wie ein Schweizer Käse.
Was die Sache besonders brisant macht: Während europäische Konzerne sich an strenge Regeln halten müssen, konkurrieren sie mit Herstellern aus China und anderen Ländern, die deutlich weniger reguliert werden. Die Gefahr liegt auf der Hand – Daimler Truck und seine Konkurrenten könnten den Wettbewerb verlieren, nicht weil ihre Produkte schlechter sind, sondern weil ihre Kostenstruktur durch Regulierung aufgebläht wird. Jobs in Stuttgart, in Gaggenau, in Wörth – überall dort, wo Lkws gebaut werden – könnten auf dem Spiel stehen.
Daimler Truck-Manager argumentieren deshalb nachvollziehbar: Die CO2-Ziele sind nicht falsch, aber der Zeithorizont ist unrealistisch. Sie fordern mehr Zeit und vor allem: bessere Rahmenbedingungen. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur, staatliche Unterstützung bei der Elektrifizierung, flexiblere Ziele, die das Tempo der technologischen Entwicklung berücksichtigen. Das sind keine absurden Forderungen aus der Lkw-Lobby, sondern pragmatische Problembeschreibungen aus einem Sektor, der investiert hat und investieren will – wenn die Bedingungen stimmen.
Das Dilemma wird zur Bewährungsprobe für europäische Industriepolitik. Entweder die EU findet einen Weg, ehrgeizige Klimaziele mit der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie zu vereinbaren, oder sie riskiert, genau die Unternehmen zu schwächen, die eigentlich ihre Klimaziele umsetzen sollen. Bislang deutet wenig darauf hin, dass diese Balance gelingt.