Schwitzen ist eigentlich eine Meisterleistung der Evolution. Der Körper verdampft Wasser, um sich abzukühlen – ein System, das in der afrikanischen Savanne überlebensnotwendig war und bis heute funktioniert. Doch für mehr als eine Million Menschen in Deutschland läuft dieses System völlig aus dem Ruder. Sie schwitzen unkontrolliert, ob die Temperatur 35 Grad oder fünf Grad beträgt. Manche wachen nachts auf nassen Laken auf, andere können nicht einfach einen Film im Kino anschauen, ohne ihre Hemden durchzuschwitzen.
Die medizinische Fachbezeichnung lautet Hyperhidrose, und sie ist weit verbreiteter, als man denken könnte. Betroffene beschreiben es so: Es ist, als würde jemand anderem den Wasserhahn im Körper aufdrehen, ohne dass man selbst ihn zudrehen kann. Im Sommer wird es zur Qual, aber auch im Winter, wenn man in dicken Pullovern arbeitet, fangen die Hände an zu tropfen. Die Füße werden in Socken zu einer Art Sumpf. Menschen mit generalisierter Hyperhidrose kämpfen täglich mit nassen Achseln, triefenden Handflächen und dem permanenten Gefühl, sich selbst zu ekeln.
Die Ursachen sind oft unklar. Bei manchen Menschen liegt eine neurologische Störung vor, bei anderen sind es Hormone, die verrücktspielen. Manchmal ist einfach nur die Schweißdrüsenproduktion dauerhaft überaktiviert – ein genetisches Missgeschick. Diabetiker kennen das Problem, Menschen in den Wechseljahren auch. Aber viele Betroffene haben keinen klaren Grund. Sie gehen zum Arzt, und der Arzt zuckt mit den Schultern.
Für die Behandlung gibt es verschiedene Ansätze. Antitranspirante mit hochkonzentriertem Aluminium können helfen, sind aber nicht für alle geeignet. Botox-Injektionen wirken bei manchen Menschen erstaunlich gut, kosten aber viel Geld und müssen regelmäßig wiederholt werden. Manche Patienten versuchen es mit Medikamenten wie Anticholinergika, die die Schweißproduktion bremsen, aber auch Nebenwirkungen haben. In schweren Fällen greifen Ärzte zur endoskopischen Sympathektomie, einer Operation an den Nervenbahnen – ein eingreifender Eingriff mit ungewissen Langzeitfolgen.
Das größte Problem aber ist die psychische Belastung. Menschen mit Hyperhidrose isolieren sich oft selbst. Sie vermeiden Menschenmengen, lehnen Verabredungen ab, wechseln ihre Kleidung fünfmal täglich. Manche entwickeln Depressionen, andere leiden unter ausgeprägten sozialen Phobien. Dass die Krankheit nicht sichtbar ist wie ein Gipsarm, macht alles nur schlimmer – viele Menschen verstehen nicht wirklich, was da los ist.
Selbsthilfeforen im Internet quellen über von Menschen, die ihre Geschichten teilen. Sie fühlen sich verstanden, weil endlich jemand anderes versteht, wie es ist, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, wenn die einfachsten alltäglichen Situationen zur Herausforderung werden.